Prüfung mit meinem PTBS-Assistenzhund

Seit Tagen war ich aufgeregt. Jetzt habe ich uns für die Prüfung zum Assistenzhundteam angemeldet. Jetzt muss ich beweisen, was ich meinem Hund beigebracht habe. Meine übliche Einstellung in solch einer Situation— die gibt es eigentlich nicht, denn Prüfungen habe ich seit Jahren nicht mehr gemacht. Andererseits- seit ich mit KleinIda die Assistenzhundausbildung absolviere ist mein üblicher Spruch: „KleinIda ist ja dabei!” Und der trifft auf die Prüfung schließlich auch zu! Frau Schäfer, meine Trainerin, schrieb mir mehrere ermunternde Mails und gab noch Tipps, was ich mit KleinIda noch mal extra üben soll- das Futter ablehnen von Fremden hatte ich etwas vernachlässigt. Ist aber natürlich wichtig, wenn ich mit dem geprüften Hund in einem Lebensmittelladen stehe. Also haben alle Bekannten, Freunde, Nachbarn und sonstige verfügbare Mitmenschen, z.B. eine sehr hilfsbereite Bratwurstverkäuferin in unserer Nähe, KleinIda bei jeder sich bietenden Gelegenheit leckere Sachen vorgehalten.

Und dann, am 14.10. war es soweit. Wir standen morgens um 9 Uhr in Hattingen am verabredeten Platz und warteten auf die Prüfung. KleinIda wusste ganz klar, dass ich sehr angespannt war. Der erste Prüfungsteil war „Freilauf”- und sie hat sich natürlich gar nicht richtig von mir entfernt. Es dauerte schon eine ganze Weile, bis ich sie animieren konnte, wirklich etwas weiter weg zu laufen, damit wir das Kommando „Sitz” auf Entfernung zeigen konnten. Sie hat sich dann auch nur ziemlich zögerlich gesetzt- eigentlich wollte sie schnell wieder zu mir. Aber es hat schon funktioniert. Und mir wurde klar- KleinIda macht das schon. Wir zeigen hier heute ja nur, was wir seit einem Jahr täglich tun. Und in unserem täglichen Training hat sie mich nie enttäuscht. Wenn sie versteht, was sie tun soll, dann tut sie es. Das macht ihr Spaß. Wenn ich deutlich die Zeichen und Kommandos gebe, dann gibt’s auch keine Missverständnisse. Die Prüferin, Frau Bargfrede, war auch sehr nett. Sie hat die jeweiligen Aufgaben immer gut erklärt und auch gezeigt, wenn ihr etwas besonders gut gefallen hat. Wie zum Beispiel der Rückruf aus dem Spiel. Da hatte KleinIda sich endlich frei einem anderen Hund angeschlossen- und kam auf Kommando sofort zu mir. Und ich war wirklich stolz auf meine Maus. Auch der Straßenarbeiter, der von Frau Bargfrede ein Käsebrot in die Hand bekam um KleinIda zu verlocken, war von ihr sehr beeindruckt. Und wird wahrscheinlich noch Jahrelang von dieser ulkigen Situation erzählen.

Weiter ging es mit dem Hoffen auf Fahrradfahrer- es kamen allerdings keine. Frau Bargfrede spielte sehr überzeugend eine Pennerin mit Bierflasche- auch das kann meine Maus nicht beeindrucken. Und vor Allem natürlich nicht zu aggressiven Reaktionen verleiten. Ich wurde langsam etwas entspannter. Immer wieder sagte ich mir-„KleinIda ist ja dabei!” Denn nun kam der Teil mit den Standards in der Stadt. Also: Leinenführigkeit, nicht schnüffeln, Straße überqueren, Verhalten auf öffentlichen Plätzen usw. Für KleinIda kein Problem- nur für mich. Und das bedeutet für KleinIda- sie ist besonders aufmerksam und vorsichtig und achtet sehr genau auf mich. Das Einsteigen in den Fahrstuhl, zur Seite rücken wenn jemand zusteigt, nicht einfach aus eigenem Antrieb rauswollen oder „Mitreisende” im Fahrstuhl ignorieren konnten wir auch sehr gut vorführen. Bei „Deichmann” zeigten wir, wie brav sie sich ablegen lässt, so dass ich in Ruhe Schuhe angucken kann- und bei „Saturn” führte KleinIda Schlangestehen in Perfektion vor. Dann gings in eine Bäckerei. „Sitz hinten” und niemand belästigen- war kein Problem. Schwieriger war es, die Situationen auch zu Filmen, aber das war ja nicht MEINE Aufgabe. Und Frau Bargfrede schaffte es offenbar. Bei der Aufgabe „Distanz schaffen” hat KleinIda mich sicher missverstanden. Ich sollte an einem Schaufenster stehen und hatte ihr das Kommando „Sitz hinten” gegeben- was sie auch gemacht hat. Als sich die Prüferin neben mich stellte HÄTTE sie sich eigentlich zwischen uns stellen sollen. Das hat sie nicht gemacht. Ich nehme an, sie hat gemerkt, dass meine Angst sich mehr auf die Fremden in der Fußgängerzone bezog. Frau Bargfrede hatte sie wohl schon als „ok” eingestuft. Danach sind wir dann in ein Café gegangen, um zu zeigen, dass mein Hund sich auch dort ordentlich benimmt, sich nicht breit in den Weg legt- soweit bei ihrer Größe möglich- und niemand belästigt. Ich hatte langsam das Gefühl, dass bisher eigentlich fast alles gut geklappt hatte. Und KleinIda hat es mir gespiegelt, indem sie sich schließlich ganz entspannt auf die Seite gelegt hat. Meine Entspannung ist ihre Entspannung. Auch darauf muss ich achten- denn ich möchte KleinIda auch nicht überfordern. Nach so einer langen Prüfungsphase ist auch sie ganz schön geschafft und hat eine Pause nötig.

Wir gingen dann zusammen zum Auto zurück und vereinbarten, uns am gleichen Ort wieder zu treffen, wenn die Prüfungskommission alle Ergebnisse ausgewertet hatte. Ich bin in meine Unterkunft gefahren. Es war eine sehr gute Entscheidung von mir, mir für den Prüfungstag ein Zimmer dort zu nehmen. So konnten wir uns jetzt wirklich ausruhen, uns hinlegen, KleinIda direkt mit ins Bett, und entspannen.

Nach eineinhalb Stunden war ich wieder etwas erholt- KleinIda auch. Und die Anspannung kam wieder. Meine Zweifel. Hat das gereicht? Hab ich nicht zu viele Fehler gemacht? Wie wird das misslungene Distanzschaffen bewertet? Typisch für mich. Ich sehe alles Mögliche, was falsch gelaufen ist. Und die vielen Dinge, die gut geklappt haben, verschwinden einfach aus der Erinnerung. Meine Nervosität stieg immer mehr. Also sind wir schon zum Treffpunkt gefahren. Im Zimmer konnte ich es nicht mehr aushalten.

Und dann kam der ersehnte, befürchtete Anruf. Frau Bargfrede sagte, sie kann in 10 Minuten da sein. Fürchterliche 10 Minuten. Aber als sie mir entgegen kam, konnte ich an ihrem Gesicht schon ablesen- es hat geklappt! KleinIda und ich sind jetzt ein geprüftes Team! Endlich! Wirklich! Wir haben es geschafft! Gratulation, Urkunde, Ausweis und Assistenzhunddecke- ich konnte es kaum glauben. Dabei- EIGENTLICH hätte ich es ja wissen müssen- auf KleinIda kann ich mich verlassen!

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